Stellungnahme zum Diskurs um das Zine der trans*Fläche

Wir möchten uns mit dieser Veröffentlichung mit den Menschen solidarisieren, die seit der Veröffentlichung des Zines der trans*fläche transfeindlichen Anfeindungen ausgesetzt sind. Wir erkennen die Notwendigkeit von Schutzräumen für trans*Menschen an und unterstützen die Forderung nach mehr Sichtbarkeit für trans*Themen. Wir solidarisieren uns mit der Hausbesetzung und mit den Menschen, die in diesem Kontext Polizeigewalt erfahren haben. Das Vorgehen der Essener Polizei verurteilen wir aufs Schärfste!


Wir nehmen die Veröffentlichung des Zines und den Diskurs darum als Anlass zur feministischen Selbstkritik. Menschen mitzudenken und mitzunehmen sind zwei unterschiedliche Dinge. Sich ausführlich mit den Belangen von trans*Personen, u.a. im feministischen Kontext, zu beschäftigen und sie nicht nur irgendwie „mitzudenken“ ist unerlässlich. Es gilt sich darum zu bemühen, Kämpfe besser zu verbinden und trans*Personen und ihre Belange stärker in bestehende feministische Strukturen zu inkludieren. Um den gemeinsamen Weg hin zu einem intersektionalen Feminismus zu gehen, wünschen wir uns eine Annäherung und einen Austausch mit dem Ziel eines solidarischen Kampfes gegen das Patriarchat.


In dem Zine werden in einigen emotionalen Schilderungen sehr zerstörerische Trigger eingebaut, z.B. für Menschen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind oder Menschen, die Genitalverstümmelung erleben mussten, und andere Personengruppen. An einigen Stellen greifen Schreibende dabei ein Frauenbild auf, gegen das wir kämpfen; ein regressives, durch patriarchale Strukturen geformtes und gesellschaftlich aufgedrücktes Frauenbild. Diese aus unserer Sicht destruktiven Textabschnitte kritisieren wir.

Kritik an dem Zine bzw. an Teilen des Zines zu üben, ist aus beschriebenen Gründen nicht schwer. Allerdings sehen wir mit Sorge, wie die leider häufig zu beobachtenden „Beißreflexe“ innerhalb linker Diskussionskultur dazu führen, dass ein Zerreißen der immer gleichen Zeilen stattfindet. Hierbei wird weder die Emotionalität der Verfassenden berücksichtigt, noch sich die Mühe gemacht, zwischen den Zeilen zu lesen. Wir vermissen zudem kritische Selbstreflexion – trotz Abgrenzung zu einigen Inhalten – und Solidarisierungen. Dabei werden teilweise Inhalte des Zines bewusst missverstanden oder entfremdet. Diese Art des Zerreißens, das schon begann während Menschen noch in Polizeigewahrsam waren, eröffnet TERFS und anderen transfeindlichen Menschen eine Plattform und neue Anknüpfungspunkte. Dass die Kommentarspalten sich mit transfeindlichen Aussagen füllen, wird offensichtlich von Gruppen und Personen, die Kritik am Zine geübt haben, billigend in Kauf genommen. Dass hier nicht moderiert oder interveniert wird, ist aus unserer Sicht vollkommen inakzeptabel! Von emanzipatorischen Gruppen und Personen erwarten wir die Verurteilung von Transfeindlichkeit! Ein differenzierter Umgang innerhalb dieses Diskurses muss möglich sein! Ebenso notwendig sollte eine ehrliche Selbstkritik im Hinblick auf die Frage sein, wie inkludierend und emanzipatorisch der eigene Feminismus in der Praxis tatsächlich ist. Doch auf Selbstkritik und Eingeständnisse wartet man in linken Debatten ja häufig vergeblich.


Oftmals wird an dem Zine kritisiert, dass es lediglich polemische Identitätspolitik beinhalte und keine politische Analyse sei. Wir sehen darin kein Problem. Auch wir sprechen uns für eine politische Gesellschaftsanalyse aus und dennoch halten wir es für wichtig, Menschen den Raum und die Möglichkeit zu lassen, ihren Erfahrungen und Emotionen Ausdruck zu verleihen. Menschen sind verschiedenen Unterdrückungsformen ausgesetzt und erleben somit die Welt unterschiedlich. Im Zine steht mehrfach geschrieben, dass es sich um emotionale Texte handelt. Es hat nicht den Anspruch, eine politische Analyse zu sein und soll auch keine ersetzen. Das bedeutet wie gesagt nicht, dass wir nicht auch Kritik üben. Doch in dem gesamten Diskurs geht es uns um Verhältnismäßigkeit und um eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Thematik. Die Wucht der Kritik und wie sehr sich Kritiker*innen darum bemühen Kontext, Entstehung und Anspruch des Zines auszublenden, erschrecken uns.


Wir möchten am 8. März Seite an Seite mit allen Menschen kämpfen, die vom Patriarchat und intersektional von anderen Herrschaftsverhältnissen unterdrückt werden. Wir möchten die Popularität und die Reichweite des Tages nutzen, um auf die Belange vieler verschiedener Gruppen aufmerksam zu machen. Wir finden es fatal, trans*Menschen auf „ihren“ Tag zu verweisen und dadurch Kämpfe zu vereinzeln. Diese Vision entspringt einer neoliberalen Identitätspolitik, die vor allem Unterschiede statt Gemeinsamkeiten betont und die bekanntlich nicht den Umsturz des Systems zum Ziel hat.


(Wir sind uns des Diskurses und der Kritik an dem Begriff „Frauenkampftag“ bewusst und beschäftigen uns damit. Im Anschluss an die diesjährigen Aktionswochen nehmen wir uns dieser Thematik nochmal konkreter an.)

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