Aufruf zum feministischen Kampftag 2022

(English version below)

Es wäre zu schön, um nicht wahr zu sein: Unbeschwert zu jeder Tages- und Nachtzeit allein draußen rumlaufen, ohne Angst zu haben. Und sowieso – rumlaufen wie wir wollen, uns pfeift niemand hinterher, unsere Körper werden nicht ungefragt kommentiert, bewertet oder berührt ganz egal wie wir aussehen, egal was wir anhaben!

Utopie – ein geläufiger, alltagssprachlicher und dennoch großer und bedeutungsschwerer Begriff. Utopien – das sind Zukunftsentwürfe und Visionen einer besseren Welt, wie sie einmal sein kann oder sein wird. Es ist das schöne Leben für alle in Gleichberechtigung und Selbstbestimmung, das wir uns mithilfe von Utopien ausmalen können. Warum aber von Utopien reden, wenn sie doch allzu weit weg erscheinen und oft eher unrealistisch? Wir wollen das Denken in Utopien wieder auf die Agenda setzen. In einer Welt, in der es immer wieder zu regressiven Backlashs kommt und Bewegungen, deren Ziel es ist, emanzipatorische Errungenschaften zunichte zu machen, immer mehr an Kraft gewinnen, ist es umso wichtiger, das Denken in Utopien nicht aufzugeben. Am Glauben einer besseren Zukunft für alle festzuhalten, diese Zukunft zu gestalten und sie zu erkämpfen, dabei nicht in idealistische und träumerische Hirngespinste abzudriften: das ist der Motor emanzipatorischer Arbeit und aktuell wichtiger denn je.

Wir brauchen Utopien!

Wir brauchen Utopien, um nicht in Ohnmacht zu verfallen angesichts globaler Krisen, die von kapitalistischen, rassistischen und patriarchalen Herrschaftsstrukturen verursacht werden. Wir brauchen Utopien, um unsere Kämpfe in gemeinsamen Zukunftsvisionen zu verbinden. Wir brauchen Utopien, um uns daran zu erinnern, dass es Alternativen gibt! Sie sind dabei nicht einfach einzelne feministische Ziele, die es zu erreichen gilt. Sie sind allumfassend! Um in Utopien denken zu können, müssen wir anfangen, Gelerntes und scheinbar Selbstverständliches zu hinterfragen. Vermeintlich erstrebenswerte  Ziele für ein glückliches Leben, wie eine gut bezahlte Vollzeitstelle oder die Erfüllung im Familienleben, entsprechen nicht unserer feministischen Utopie. 

Es muss gelten: Nicht Selbstoptimierung sondern Selbstbestimmung. Nicht weniger Lohnarbeit, sondern ein Ende von kapitalistischer Wertschöpfung, Unterdrückung und Ausbeutung. Nicht gerechte Aufteilung von Reproduktionsarbeit, sondern ein grundlegend anderes Verständnis von Arbeit, Fürsorge und Solidarität. Nicht gleiches Recht für Mann und Frau, sondern die Überwindung patriarchaler Unterdrückung, von der hauptsächlich FLINTA (Frauen, Lesben, inter, nichtbinäre, trans und agender Personen) betroffen sind. Nicht die Bekämpfung der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Klasse, sondern die Überwindung von Klassen und ihren materiellen Verhältnissen. Nicht mehr Frauen in Führungspositionen, sondern ein Ende von Konkurrenz und Ausbeutung. Nicht gleicher Lohn bei gleicher Arbeit, sondern Wohlstand für alle Menschen, überall.

In unserer feministischen Utopie…

…herrscht ein grundlegend anderes Verständnis von Arbeit. In dieser Gesellschaft gibt es eine soziale Infrastruktur, in der Fürsorgearbeit ein fester Bestandteil ist und nicht vollends ins Private geschoben wird. Fürsorge Geben sowie Annehmen wird nicht mit Schwäche assoziiert, sondern ist selbstverständlicher Teil des zwischenmenschlichen Miteinanders. Lohnarbeit ist in dieser Gesellschaft längst von gestern, sodass Fürsorge und Solidarität integraler Bestandteil des zwischenmenschlichen Alltags sein können und nicht belastende Zusatzaufgabe, die primär von Frauen verrichtet wird, wie es im Kapitalismus einmal war. Vom Kapitalismus und einer Klassengesellschaft, die soziale und materielle Ungleichheiten produziert und aufrechterhält, reden höchstens noch unsere Großeltern. In dieser Gesellschaft herrscht ein grundlegend anderes Menschenbild, denn der Mensch wird nicht mehr über seine Arbeitskraft definiert. In dieser Welt haben alle Menschen unabhängig von Geschlechtsidentität, Sexualität, race, Klasse, Körper, Behinderung und Religion den gleichen Zugang zu materiellen Ressourcen und gesellschaftlicher Teilhabe. Menschen können überall auf der Welt ein vergleichbar gutes Leben führen. Da der Kapitalismus in dieser Welt längst überwunden ist, verfügen alle Menschen über freie reproduktive und sexuelle Rechte und entscheiden selbstbestimmt und fernab von gesellschaftlichem Druck, von Zwang und Gewalt über ihre Körper, über ihr Leben.

Lasst uns in feministischen Utopien denken, von ihnen sprechen! Lasst uns den eigenen Horizont erweitern und auch scheinbar Gegebenes infrage stellen. Lasst uns die zermürbenden, mörderischen, kaputt machenden Zustände nicht hinnehmen. Lasst uns Alternativen entwerfen. Lasst uns utopisch denken, um voran zu kommen!

Unsere Utopien sind doch zu schön, um nicht wahr zu sein, wahr zu werden! Lasst sie uns benennen, verbinden und erkämpfen!

Heraus zum feministischen Kampftag 2022!

English:

It would be too good not to be true: To walk around alone outside at any time of the day or night without being afraid. And anyway – walk around as we want, no one whistles at us, our bodies are not unasked commented, evaluated or touched no matter how we look, no matter what we wear!

Utopia – a common, everyday term that is nevertheless large and pregnant with meaning. Utopias – these are designs for the future and visions of a better world, as it can or will be one day. It is the beautiful life for all in equality and self-determination that we can imagine with the help of utopias. But why talk about utopias when they seem all too far away and often rather unrealistic? We want to put thinking in utopias back on the agenda. In a world in which regressive backlashes occur again and again and movements whose goal is to undo emancipatory achievements are gaining more and more strength, it is all the more important not to give up thinking in utopias. To hold on to the belief of a better future for all, to shape this future and to fight for it, not to drift into idealistic and dreamy fantasies: this is the motor of emancipatory work and currently more important than ever.

We need Utopias!

We need utopias in order not to fall into impotence in the face of global crises caused by capitalist, racist and patriarchal structures of domination. We need utopias to connect our struggles in common visions of the future. We need utopias to remind us that there are alternatives! In this, they are not simply individual feminist goals to be achieved. They are all-encompassing! In order to be able to think in utopias, we have to start questioning what we have learned and what is supposedly taken for granted. Supposedly desirable goals for a happy life, such as a well-paid full-time job or fulfillment in family life, do not correspond to our feminist utopia. It must apply: Not self-optimization but self-determination. Not less wage labor, but an end to capitalist value creation, repression and exploitation. Not a fair division of reproductive work, but a fundamentally different understanding of work, care and solidarity. Not equal rights for men and women, but overcoming patriarchal oppression, which mainly affects FLINTA (women, lesbians, inter, nonbinary, trans and agender people). Not fighting discrimination against people based on class, but overcoming class and its material conditions. Not more women in leadership positions, but an end to competition and exploitation. Not equal pay for equal work, but prosperity for all people, everywhere.

In our feminist Utopia…

…there is a fundamentally different understanding of work. In this society, there is a social infrastructure in which caring work is an integral part and is not completely relegated to the private sphere. Giving and accepting care is not associated with weakness, but is a natural part of human interaction. Wage labor is a thing of the past in this society, so that care and solidarity can be an integral part of everyday interpersonal life and not a burdensome additional task performed primarily by women, as was once the case under capitalism. At most, our grandparents still talk about capitalism and a class society that produces and maintains social and material inequalities. In this society, a fundamentally different view of human beings prevails, because people are no longer defined by their labor power. In this world, all people, regardless of gender identity, sexuality, race, class, body, disability, and religion, have equal access to material resources and social participation. People can live comparably good lives anywhere in the world. Since capitalism has long since been overcome in this world, all people have free reproductive and sexual rights and make self-determined decisions about their bodies, about their lives, far from social pressure, coercion and violence.

Let us think in feminist utopias, let us speak of them! Let us broaden our own horizons and also question what seems to be given. Let us not accept the grueling, murderous, destructive conditions. Let us design alternatives. Let us think utopian in order to move forward!

Our utopias are too beautiful not to be true, to become true! Let’s name them, connect them and fight for them!

Out to the feminist struggle day 2022!