Feminismus vergesellschaften

Im Herbst 2018 entstand die Idee, auch in Bochum eine Demonstration zum 8. März, dem internationalen feministischen Kampftag, zu organisieren. Aus einem größeren Zusammenschluss an engagierten Menschen gründeten wir die Initiative zum Frauenkampftag Bochum. Von Beginn an begleitet die Demo ein breit aufgestelltes Veranstaltungsprogramm. Die feministischen Aktionswochen werden seitdem jährlich aus einer Vernetzung mit anderen lokalen Initiativen organisiert. Sie regen neue Vernetzungen an, machen feministische Themen sichtbar und geben Interessierten die Möglichkeit, sich mit diesen auseinanderzusetzen und selbst zu entwickeln. – Eben mit dem Anspruch, Feminismus zu vergesellschaften.

Nach drei Jahren wurde aus der Initiative zum Frauenkampftag „Furore Bochum. Ein feministisches Kollektiv„. Durch Selbstreflexion, Austausch und Weiterentwicklung unserer feministischen Leitlinien wurde uns klar: Die dominante Position des Begriffs „Frauenkampftag“ in unserem Namen war vor dem Hintergrund unseres eigenen Selbstverständnisses und Anspruchs mittlerweile deplatziert.
Der Kern unserer feministischen Arbeit ist der Kampf um geschlechtliche Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. Es ist der Kampf gegen Herrschaftsverhältnisse basierend auf dem Strukturmerkmal Geschlecht und gegen eine Unterdrückungsgesellschaft. Diese patriarchale Vormachtstellung macht sich im Alltag häufig in Form von Sexismus bemerkbar, also der Diskriminierung von Frauen, Lesben, inter, nichtbinäre, trans und agender Personen. Die Bekämpfung von sexualisierter Gewalt, Misogynie, Transfeindlichkeit, Queerfeindlichkeit und Sexismus in all seinen Facetten ist daher ein wesentlicher Pfeiler in unserem feministischen Selbstverständnis, kann jedoch niemals als Einzelkampf geführt werden. Feminismus muss immer die Verschränkung mit anderen gesellschaftlichen Unterdrückungsformen in der politischen Haltung und Praxis einschließen. Er beinhaltet für uns die Befreiung Aller von jeder Form der Unterdrückung. In unserer feministischen Utopie haben demnach alle Menschen unabhängig von Geschlechtsidentität, Sexualität, race, Klasse, Körper, Behinderung und Religion den gleichen Zugang zu materiellen Ressourcen und gesellschaftlicher Teilhabe.

Unser Feminismus ist daher:
– Antikapitalistisch: Der Kapitalismus ist nicht naturgegeben, sondern eine vom Menschen gemachte, unterdrückende und ausbeuterische Gesellschaftsform. Es sind die materiellen Produktions- und Reproduktionsverhältnisse, die das gesellschaftliche Miteinander maßgeblich bestimmen und unter denen wir handeln. Andere Herrschaftssysteme wie Rassismus und das Patriarchat sind daher und aufgrund der historischen Entstehungsgeschichten eng mit dem Kapitalismus verwoben und immer unter diesen Verhältnissen zu analysieren und zu bekämpfen. Die Überwindung des Patriarchats ist nicht ohne die Abschaffung des Kapitalismus zu erreichen. Gleichzeitig ist die kapitalistische Produktionsweise auf das Patriarchat, also beispielsweise die geschlechtsbasierte Reproduktionsarbeit (also unbezahlte häusliche Care-Arbeit) angewiesen, sodass sich die Abschaffung des Kapitalismus nicht ohne die Integration feministischer Perspektiven und Kämpfe realisieren lässt. Wir sprechen uns daher für eine allumfassende Gesellschaftsanalyse aus, die die Verschränkung und Wechselwirkung verschiedener Herrschaftsformen, wie Kapitalismus, Patriarchat und Rassismus, mit in den Blick nimmt.

– Für die Anerkennung und Sichtbarmachung queerer Identitäten: Eine materialistisch-feministische Gesellschaftsanalyse schließt die Einbeziehung von queerfeministischen Perspektiven, wie leider viel zu häufig angenommen, nicht aus. Wir erkennen das binäre System der Zweigeschlechtlichkeit, also die Einteilung in Mann und Frau, als sozial konstruiert und keinesfalls naturgegeben an. Wir lehnen feministische Haltungen, die einen unüberwindbaren natürlichen, biologistischen Unterschied zwischen Mann und Frau predigen, entschieden ab. Wir sind solidarisch mit trans, inter und agender Personen, queeren Identitäten und nicht-binären Menschen. Ein Feminismus, der diese Perspektiven ausblendet und allein für cis-Frauen seine Stimme erhebt, ist ein unsolidarischer.

– Intersektional: Es sind nicht nur die Strukturkategorien Klasse und Geschlecht, die in unserer Welt Ungleichheit generieren. Ungleichheiten bestehen aufgrund vielfältiger Kategorien wie z.B. race, Sexualität und Körper. Eine feministische Perspektive, die die Verschränkungen dieser Unterdrückungsformen reflektiert, bezeichnet der Begriff „Intersektionalität“. So sind alle Flintas von Sexismus betroffen, jedoch ein Großteil zusätzlich von beispielsweise Rassismus; hier liegt auch der historische Ursprung von Intersektionalität. Dies bedeutet für uns auf einer theoretischen Ebene, Verschränkungen von Diskriminierungsformen zu analysieren, aber auch unsere feministischen praktischen Forderungen selbstkritisch zu reflektieren und vor dem Hintergrund der Intersektionalität zu fragen, welche Perspektiven wir eigentlich in unserer Arbeit abdecken. Ein Feminismus, der sich einzig und allein mit „Frauenfeindlichkeit“ befasst, reproduziert oft andere Unterdrückungsmechanismen und kämpft am Ende nur für die Befreiung einiger Weniger.Intersektionalität bedeutet dabei für uns auch jüdische Perspektiven aktiv einzubeziehen und Antisemitismus zu problematisieren und offensiver zum Thema im Feminismus zu machen. Wir unterstützen die gegenwärtigen und historischen Kämpfe von Juden:Jüdinnen (https://latkesberlin.wordpress.com/2020/10/24/juden-gendern/amp/) sowie die Forderung nach mehr Sichtbarkeit von jüdischem Leben.

 Antirassistisch: Wir erkennen Rassismus als ein menschenfeindliches System an, das Gesellschaften strukturiert und hierarchisiert. Alle Menschen sind in einer rassistisch strukturierten Welt sozialisiert worden. Diese Rassismen sind tief in uns verwurzelt. Doch es gilt jede Form von Rassismus zu bekämpfen, sowohl die, extrem rechter Menschen und Gruppen, als auch jene, die in unserem Umfeld und uns selbst vorkommen. Wir möchten in unser feministisches Handeln stets eine antirassistische Analyse integrieren. Dabei möchten wir nicht nur Rassismus kritisieren, sondern entschieden antirassistisch agieren.

– Antifaschistisch: Feminismus muss mit im Zentrum des antifaschistischen Widerstands und Kampfes stehen, denn der Faschismus ist der größte Feind einer jeden progressiven Bewegung. Allein das regressive Welt- und Geschlechterbild extremer Rechter macht die notwendige Verzahnung von Antifaschismus und Feminismus sichtbar; sie versuchen das Rad der Zeit zurückzudrehen, um Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten und progressive Errungenschaften zu zerschlagen. Antifeminismus ist dabei ein wesentlicher Baustein ihrer Ideologie und ihres Handelns. Antifaschismus muss daher Bestandteil einer jeden feministischen Bewegung sein. Das bedeutet für uns gegen (extrem) rechtes Gedankengut, rechte Parteien, Gruppen und ihre Auswüchse zu kämpfen und uns bedingungslos mit Betroffenen und Bedrohten rechter Gewalt zu solidarisieren.

– Solidarisch: Kapitalismus bedeutet Konkurrenzgesellschaft, denn wir lernen schon früh: das Ellenbogenprinzip ist in diesem System die beste Strategie für Erfolg. Ganz nach dem Motto „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“ bekommen wir von früh an beigebracht, dass Menschen in jeder Hinsicht in Konkurrenz zueinander stehen und der eigene Erfolg für jeden Menschen oberste Priorität haben sollte. Und das hat natürlich einen Grund: Es folgt nicht nur einer kapitalistischen Marktlogik, sondern sorgt zusätzlich für die Aufrechterhaltung des Systems. Wir sind der festen Überzeugung: Solidarität und eine kollektivistische Haltung sind der größte Feind dieses individualistischen und ausbeuterischen Systems und sind daher gleichzeitig unsere stärksten Waffen. Solidarität kann nur als solche begriffen werden, wenn sie bedingungslos ist. Füreinander kämpfen, für andere einstehen, füreinander da sein, und zwar ohne Erwartungen oder Gegenleistung, ohne dies mit eigenem Nutzen zu verknüpfen. Schlicht bedingungslos.

Was für Ansprüche haben wir an unsere Arbeit?
Ziel unserer Arbeit ist es, feministische Themen zu vergesellschaften und diese für ein breites Publikum zugänglich zu machen, dabei zu lernen, zu diskutieren, zu streiten und sich auszutauschen. Wir sind dabei um eine stetige Selbstreflexion bemüht und sehen unseren Feminismus als einen Prozess an, der nicht fehlerfrei ist. Wir sind offen für Kritik und sind der festen Überzeugung, dass wir nur im Dialog miteinander voneinander lernen können.
Neben der Organisation und Gestaltung der feministischen Aktionswochen ist die Beschäftigung mit lokalen feministischen Debatten in Bochum und Umgebung für uns ein wichtiges Aktionsfeld. Obwohl wir also mit unserer feministischen Arbeit stets eine Verbesserung der Lebensrealitäten von Marginalisierten anstreben, steht für uns fest: Die Systemfrage muss gestellt werden! Eine Verbesserung der Verhältnisse innerhalb dieses Systems dient ausschließlich der besseren Aushaltbarkeit der Zustände und kann nur als vorübergehendes Ziel betrachtet werden. Übergeordnetes Ziel dieses Kampfes muss die Überwindung des Status Quo sein!


Unsere Devise lautet daher: Für Furore sorgen, Furore machen, Furien sein!

Furore Bochum. Ein feministisches Kollektiv

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